Großdeutsche und kleindeutsche Lösung


Im folgenden Text unternehme ich den Versuch, fest zu stellen aus welchen Gründen sich, als Antwort auf die „deutsche Frage“, die kleindeutsche Lösung durchsetzte. Im ersten Teil des Textes werde ich auf die Eigenschaften der beiden möglichen deutschen Lösungen eingehen, um im zweiten Teil die Überlegung anzustellen welche Vor- und Nachteile die verschiedenen Lösungen hatten und zu bewerten warum sich am Ende die kleindeutsche Lösung durchsetzte.

Die „deutsche Frage“ und ihre Lösungsmöglichkeiten

Unter der „deutschen Frage“ wird das Problem zur Realisierung einer deutschen Einheit verstanden. Die Frage nach der deutschen Einigung begann im eigentlichen Sinne mit der Niederlegung der römisch-deutschen Kaiserkrone im Jahre 1806. Auch wenn sie mit der Gründung des deutschen Bundes (1815) wieder abgeschlossen zu sein schien, kamen im Zuge der Märzrevolutionen 1848/49 erneut Forderungen nach einem einheitlichen deutschen Bundesstaat auf.

Für die Realisierung dieser Forderungen entstanden in erster Linie zwei verschiedene Lösungsansätze, die „großdeutsche Lösung“ und die „kleindeutsche Lösung“.

Bei der „kleindeutschen Lösung“ handelte es sich um ein Modell bei dem alle Gebiete des deutschen Bundes und Preußens, unter Ausschluss der österreichischen Gebiete, vereinigt werden sollte.

Bei der großdeutschen Lösung sollten alle Gebiete des deutschen Bundes in einen gemeinsamen Staat überführt werden. Diesen Gebiete hätte Territorien mit einer deutschen Minderheit eingeschlossen wie z.B. Böhmen und Mähren, ausgeschlossen werden sollten jedoch die nicht-deutschen, österreichischen Gebiete wie Ungarn und Galizien.

Ein verwandtes Modell zur großdeutschen Lösung war die „großösterreichische Lösung“, welche alle österreichischen und preußischen Gebiete und die Gebiete des deutschen Bundes umfasst hätte.

 

Die Bewertung der deutschen Lösungen

Als es im Rahmen der Frankfurter Nationalversammlung um Diskussion der deutschen Lösung ging, favorisierten die österreichischen Abgeordneten die „großösterreichische Lösung“. Diese wurde jedoch von den meisten Abgeordneten abgelehnt, da sie dem Ziel der Schaffung eines deutschen Nationalstaates, auf Grund der Einbeziehung nicht-deutscher Gebiete, widersprach.

Eine großdeutsche Lösung wurde jedoch Seitens der meisten österreichischen Abgeordneten abgelehnt, da dies zum einen einen enormen Machtverlust für die Habsburger Monarchie bedeutet hätte und zum anderen ohne eine Revolution Ungarns unmöglich gewesen wäre.

Des weiteren hätte sie die Frage nach dem Verbleib und der Rechte der größtenteils nicht-deutschen Bevölkerung in Böhmen, Mähren und Südtirol aufgeworfen. Für Preußen wäre sowohl die großdeutsche als auch die großösterreichische Lösung von Nachteil gewesen, da in beiden Staatskonstrukten die süddeutschen (bzw. katholischen) Länder, unter Führung Österreichs, eine Bevölkerungsmehrheit gestellt hätten und so eine Führungsrolle übernommen hätten.

Von allen Modellen die im Rahmen der Frage nach der deutschen Lösung im 19. Jahrhundert diskutiert wurden, war jedoch die kleindeutsche Lösung die realistischste und am leichtesten umsetzbare. Nach dem Ausscheiden Österreichs aus der Frankfurter Nationalversammlung setzten sich die protestantischen Abgeordneten für die kleindeutsche Lösung ein. In dieser Lösung war ein Kampf um die Vorherrschaft im potenziellen deutschen Bundesstaat ausgeschlossen, da es in diesem Modell eine protestantische Mehrheit gegeben hätte und Preußen die Vorherrschaft im deutschen Staat besessen hätte. Was die Gründe dafür waren warum sie von den protestantischen Gebieten und Preußen favorisiert wurden.

Ein weiterer Vorteil war, dass eine Einbeziehung der nicht-deutschen Gebieten und Gebieten mit deutscher Minderheit wohl möglich neue Probleme mit sich gebracht hätte (wie z.B. die Frage nach den Rechten und dem Verbleib sogenannter „Nichtdeutscher“). Die kleindeutsche Lösung hätte nur eine Minderheit von „Nichtdeutschen“ bedeutet.

In der Frankfurter Nationalversammlung konnte sich eine deutsche Lösung, auf Grund des Ausscheiden Österreichs und der Ablehnung der Kaiserkrone seitens des preußischen Friedrich Wilhelm IV., nicht durchsetzen. Erst unter seinem Nachfolger Wilhelm I. und Otto von Bismarck wurde 1871 letztlich die deutsche Lösung realisiert.

Abschließende Einschätzung

Zusammenfassend könnte man sagen, dass es eine Vielzahl von Gründen gab warum sich letztendlich die kleindeutsche Lösung durchsetzte. Einer der ausschlaggebenden Gründe war jedoch, dass eine deutsche Lösung im Rahmen der Frankfurter Nationalversammlung scheiterte. So mit war die deutsche Lösung auf parlamentarischen und diplomatischen Wege vorerst gescheitert. Aus diesem Grund wurde später die kleindeutsche Lösung, unter Leitung Preußens durch Wilhelm I. und Otto von Bismarck umgesetzt. Dabei gab Bismarck seine bekanntgewordene Strategie vor:

[…] nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut.“

Die kleindeutsche Lösung setzte sich, meiner Einschätzung nach, durch weil sie unter Preußen verfolgt und unter Einbeziehung militärischer Mittel umgesetzt wurde. Denn für Preußen war es die einzige realistische Option einen deutschen Bundesstaat umzusetzen, ohne dabei die eigene Hegemonialmacht in Deutschland zu verlieren.

Alle anderen Lösungen hätten vermutlich entweder langwierige Kriege mit Österreich um die deutschen Gebiete der großdeutschen Lösung bedeutet oder hätten zu einer untergeordneten Rolle Preußens im neugebildeten deutschen Bundesstaat geführt.

Mit der kleindeutschen Lösung konnte man jedoch die deutsche Einigung innerhalb weniger Jahrzehnte erreichen, ohne sich dabei den süddeutschen Staaten unterordnen zu müssen.

Langfristig scheiterte jedoch diese kleindeutsche Lösung durch den 1. Weltkrieg und die spätere Machtergreifung der Nationalsozialisten, da durch beide Ereignisse die deutsche Frage wieder neu aufgeworfen wurde.

Denn nach dem ersten Weltkrieg kam durch die Auflösung Deutsch-Österreichs erneut das Interesse an einer großdeutschen Lösung auf. Während man schließlich im dritten Reich eine ganz eigene und nationalsozialistisch-ideologisierte Form der „großdeutschen Lösung“ umzusetzen versuchte.

Meine persönliche Einschätzung ist, dass man erst nach der deutschen Wiedervereinigung wohl von einer endgültigen und stabilen Lösung der deutschen Frage reden konnte. Da erst durch die verschiedenen Staatenbünde (UN, EU, etc.) in denen Deutschland und seine Nachbarländer Mitgliedschaft haben und durch den ZweiPlusVier-Vertrag langfristig eine Stabilität und gemeinsame Übereinkunft der Grenzen gegeben ist. Erst zu diesem Zeitpunkt entstand ein wirklich stabiler und sicherer Frieden der langfristig die Existenz und die Grenzen Deutschlands, sowie seiner Nachbarländer, sichert.

Literaturangaben

Michael, Stürmer, Das Deutsche Reich, 1870-1919, Deutsche Erstauflage, Berlin, 2002.

Deutscher Bundestag, Fragen an die deutsche Geschichte, 17. Auflage, Bonn, 1993.

Dieter, Hein, Die Revolution von 1848/49, 3. Auflage, München, 1998.

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