Die Antialkoholbewegung im deutschen Reich

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts schien der „Mangel an Nüchternheit“ immer unvereinbarer mit der wachsenden Arbeiterschaft und der modernen Industriegesellschaft. Die bürgerlichen Ideale des rationalisierten, kontrollierten Lebenswandels ließen sich mit dem, aus den Zeiten der Vorindustrialisierung übernommene, teils sehr ungezügelte Trinkverhalten, kaum mehr vereinbaren.

Der erste Versuch einer Mäßigkeitsbewegung hatte, nach der Märzrevolution von 1848, sich fast gänzlich aufgelöst. Der immer noch vorhandenen Problematik des Alkoholmissbrauches versuchte sich, im deutschen Kaiserreich, nun die sogenannte „zweite Mäßigkeitsbewegung“ anzunehmen.

Was die Frage aufwirft in wie fern die Mäßigkeitsbewegung im Deutschen Kaiserreich Erfolge erzielen konnte. In wie fern prägte die Mäßigkeitsbewegung die Alkoholkultur und Alkoholpolitik des Deutschen Kaiserreiches? Gibt es Erfolge der Mäßigkeitsbewegung die sich bis in die Gegenwart Deutschlands durchsetzen konnten?

1. Die zweite Mäßigkeitsbewegung und ihre Anhänger

 In der Mäßigkeitsbewegung fanden sich vorwiegend bürgerliche und sozialistische bzw. sozialdemokratische Reformer wieder. Unter den Berufsgruppen waren vorwiegend Berufe der oberen Mittelschicht und Oberschicht vertreten. Häufig hatten die Anhänger als Ärzte, Seelsorger, Fabrikanten und ranghohe Militärs und Verwaltungsbeamte berufsbedingt engen Kontakt zum problematischen Trinkverhalten der unteren Schichten.

Die Frage, ob das angeprangerte Alkoholproblem der Gesellschaft mit vollständiger Abstinenz oder maßvollem Alkoholkonsum zu lösen sei, polarisierte die Anti-Alkoholbewegung im deutschen Kaiserreich enorm. Die Bewegung spaltete sich bald in einen „enthaltsamen“ bzw. „abstinenten“ und einen „mäßigen“ Flügel. Aber auch von der damaligen Arbeiterbewegung wurde die damalige Problematik des Alkohols oft aufgegriffen.

An Stelle der früheren philanthropisch-religiösen Vereine des Vormärzes waren völlig neue Organisationen getreten die sich Aufklärung, Selbsthilfe oder auch auf moderne politische Interessenarbeit fokussierten.

Den ersten wichtigen Antialkoholverein stellte dabei der 1883 gegründete „Verein gegen den Missbrauch geistiger Getränke“ (DVMG) dar. Obwohl der DVMG sich als parteipolitisch-neutralen Verein darstellte, gehörten die führende Mitglieder meist nationalliberalen Parteien an und zählten zur gesellschaftlichen „Elite“ des Kaiserreiches. Prominente Mitglieder des DVMG waren beispielsweise Ernst Haeckel, Robert Bosch und Feldmarschall Moltke.

Eine religiöse Präferenz war im Verein jedoch praktisch nicht vorhanden, die Weltanschauungen reichten von protestantisch und katholisch bis hin zu atheistischen Mitgliedern.

2. Öffentlichkeitsarbeit der Antialkoholbewegung

 Die publizistischen Bemühungen der Mäßigkeitsvereine waren enorm. Über einen eigenen „Mäßigkeitsverlag“ wurden Plakate, Flugblätter und Aufklärungsschriften in Umlauf gebracht. In den Schriften wurde immer wieder mit dem Aberglauben „aufgeräumt“, dass Alkohol heilende oder stärkende Vorzüge besäße. Stattdessen wurden Armut und Verbrechen mit Alkohol in einem statistischem Zusammenhang gestellt. Auch wurden Statistiken zu durch Alkoholbedingten Ausfallzeiten in Fabriken und gesundheitlichen Problemen erstellt und publiziert.

Durch diese Bemühungen setzte sich bei den Fabrikanten zunehmend die Erkenntnis durch, dass der Branntweinkonsum in Fabriken sich geschäftsschädigend auswirkte.

3. Politische Arbeit der Anti-Alkoholvereine

 Trotz Sympathien von Kaiser Wilhelm II. und der Größe des Einflusses in Beamtentum und Unternehmerschaft konnte man weniger gesetzliche Restriktionen durchsetzen als man sich zunächst innerhalb der Bewegung erhofft hatte.

Die meisten Anträge in Parlamenten scheiterten am Widerstand der Konservativen, die hierbei zumeist die Sozialdemokraten auf ihrer Seite hatten. Die SPD befürchtete staatliche Eingriffe in Versammlungsfreiheit und Privatleben.

Allerdings konnte mit dem Branntweinsteuergesetz von 1887, das die Steuerbelastung der Schnapsbrennereien auf das drei- bis vierfache anhob, durchaus ein entscheidender Sieg der Bewegung verzeichnet werden. Auch konnte man im bürgerlichen Gesetzbuch einen Entmündigungsparagraphen verankern. Und auch im Jahre 1902 konnte man eine Resolution im preußischen Landtag durchbringen, die restriktivere Regelungen für Verkauf und Ausschank von Alkohol vorsah und auch verstärkte Bemühungen zu Aufklärung und Trinkerfürsorge vorsah.

4. Schlussbetrachtung

Im 19. Jahrhundert konnte die Mäßigkeitsbewegung zwar weniger gesetzliche Restriktionen gesetzlich verankern lassen als man sich zunächst erhofft hatte, jedoch wurden bereits schon zu diesem Zeitpunkt Gesetze auf dem Weg gebracht deren Grundgedanken bis heute in Deutschland vorhanden sind und im Laufe der Zeit immer wieder zusehends verschärft wurden. So gelten bis heute in Deutschland restriktive Regelungen zum Verkauf von Alkohol und auch eine (staatsinternen Vergleich) relativ hohe Steuerbelastung. So kann man zusammenfassend sagen, dass die Ideen der Mäßigkeitsbewegung durchaus die damalige und zukünftige Alkoholpolitik entscheidend prägten.

Literaturangaben

Hasso Spode, Die Macht der Trunkenheit, Opladen 1993.